Lebende Bücher

Unter diesem Titel verbirgt sich ein Projekt, das Rosi Stindl von der Bürgerstiftung in Leipzig entdeckt hat. Es findet in den nächsten Wochen und Monaten in der Stadtbibliothek Wiesloch statt. Die „Lebenden Bücher“, das sind Wieslocher Bürgerinnen und Bürger, die teils selbst – oft schon vor Jahrzehnten – nach Wiesloch eingewandert sind, teils Einwanderern („Migranten“, Flüchtlingen) beim Ankommen, bei der Integration geholfen haben. Manche von ihnen nehmen auch als Zeitzeugen an der einen oder anderen Veranstaltung teil.

Sie haben die Möglichkeit, von diesen zwölf „Lebenden Büchern“ mehr über ihr Leben zu erfahren.

Wie läuft das Ganze ab? Beginnen Sie am besten damit, die Kurzporträts weiter unten zu lesen. Wenn Sie eine oder mehrere dieser Menschen etwas näher kennenlernen möchten, wenden Sie sich an die Stadtbibliothek, Telefon: 06222 929315 und melden Sie sich (mindestens eine Woche vorher) für einen Termin an oder Sie verwenden das Buchungsformular am Ende der Seite.

Das Gespräch wird in kleinem Rahmen stattfinden: Es werden nie mehr als drei Zuhörer mit Ihnen gemeinsam mit der jeweiligen Person sprechen, gut möglich, dass Sie alleine sind und unter vier Augen bleiben. Stellen Sie sich darauf ein, dass die ersten 20 Minuten dem „Lebenden Buch“ gehören. Danach können Sie nachfragen, was Sie noch genauer interessiert. Insgesamt wird das Gespräch nicht länger als 45 Minuten dauern. Die Gespräche finden mittwochs (18.15-19.00 Uhr) bzw. samstags (13.15-14.00 Uhr) statt.

Wichtig: Kommen Sie bitte pünktlich! Wir möchten mit den Gesprächen jeweils gemeinsam starten.

Fotos/Portraits: Michael Benz (1-8) und privat (9-12)


gisela-schulzGisela Schulz

Am 13.11.1945 ist sie als knapp Sechsjährige nach neunmonatiger Flucht zerlumpt in Baiertal angekommen. Die Mutter – angesehene Lehrerin an der Baiertaler Hauptschule – gab sich und ihren Kindern Redeverbot in Sachen Krieg und Flucht. In den Sechzigern war Frau Schulz acht Jahre als Visagistin im Ausland (Paris, Wien, London, USA). Außenseitererfahrungen machte Gisela Schulz im Zusammenhang mit ihrem unehelichen Sohn. In den Neunziger Jahren half sie in der Flüchtlingsarbeit mit – „denen ging es wie uns damals“. Sie war mit ihrem Kosmetikstudio beim Rathaus lange Jahre eine Art informelle Hauptanlaufstelle für Flüchtlinge in Wiesloch.

Samstags, 13.15-14.00 Uhr. Termine: 29.10.2016, 26.11.2016, 21.1.2017 oder 18.2.2017.


alejandro-victoriaAlejandro Victoria

Er ist 1972 als Siebenjähriger mit seinem Bruder und seiner aus Argentinien stammenden Mutter nach Wiesloch gekommen. “Buenos Aires ist meine Geburtsstätte, Wiesloch meine Heimat!”. Der Vater, gelernter Drucker, wurde in Spanien von HDM angeworben. Keiner von der Familie konnte Deutsch sprechen – die Kinder lernten über die Schule und vor allem über die Musikschule in Wiesloch schnell die Sprache. Alejandro machte bei HDM eine Ausbildung und arbeitet bis heute gerne bei der Firma. Er ist verheiratet und Vater von zwei Söhnen und wohnt in der Mühlgasse, mitten in Wiesloch. Sein Bruder wurde Missionar in Ecuador und ist heute Rektor der Internationalen Theologischen Akademie in Bad Liebenzell. Alejandro gefällt es nicht, dass zur Zeit „auf Teufel komm raus integriert wird. Besser wäre: Probiert es doch mal mit Zusammenleben!“

Mittwochs, 18.15-19.00 Uhr. Termine: 26.10.2016, 23.11.2016, 18.1.2017 oder 15.2.2017.


bernhard-schillingBernhard Schilling

Er wurde 1926 in Dresden geboren. Seine Kindheit und frühe Jugend prägte sein Elternhaus, das das NS-Regime von Anfang an total ablehnte und sich in leitender Funktion in der Bekennenden Kirche engagierte. Er wurde schon mit 15 Jahren erst als Luftwaffenhelfer weitgehend, dann durch Arbeitsdienst und Fronteinsatz total vom Elternhaus getrennt und hat seine Eltern auch nicht wieder gesehen. Im Februar 1945 wurden sie total ausgebombt und kamen kurz vor Kriegsende ums Leben. Erst Monate später erreichte ihn die Nachricht von diesem Verlust. Unter dem Eindruck der tragischen und traumatischen Ereignisse nahm er sich vor, später Menschen mit ähnlichen Schicksalen zu helfen. Er studierte Pharmazie, heiratete eine Apothekerin und landete 1968 in Wiesloch. Schon im laufenden Apothekenbetrieb ergaben sich viele Gelegenheiten zu helfen. Nach dem Eintreffen der ersten Asylbewerber aus dem Iran hat er in besonders schwierigen Fällen, zum Teil über viele Jahre, Hilfe geleistet und begleitet.

Samstags, 13.15-14.00 Uhr. Termine: 29.10.2016, 26.11.2016, 21.1.2017 oder 18.2.2017.


liebrenzManuela Liebrenz

Sie floh 11 Tage vor Maueröffnung im Herbst 1989 mit ihrem Mann und den beiden Kindern von Görlitz (ihrem damaligen Wohnort) über Ungarn, alles liegen und stehen lassend, nur mit einem Touristenvisum. Hätte man sie erwischt, hätten 5-7 Jahre Haft für Republikflucht gedroht. Der Wunsch nach Reisefreiheit einerseits, ständiger Druck des politischen Systems andererseits waren ihre Hauptmotive. Über mehrere Stationen kamen sie 1999 nach Wiesloch. Heute lebt Manuela Liebrenz mit ihrem Mann Bernd in der Südlichen Zufahrt, wo die Nachbarschaft sehr aufgeschlossen ist und man viel zusammen macht. Manuela Liebrenz arbeitet im PZN im Service.

Mittwochs, 18.15-19.00 Uhr. Termine: 26.10.2016, 23.11.2016, 18.1.2017 oder 15.2.2017.


starkAnna Stark

Anna Stark ist Ungarndeutsche. Ihre Familie kam 1946 mit drei Pferden und einem Wagen hierher nach Deutschland. Als Kind hat sie auch Diskriminierung erfahren. Der Lehrer in der Grundschule: „Die Amis, die Kartoffelkäfer und die Flüchtlinge werden wir nicht mehr los. Und Du bist so eine!“ Erst im Gymnasium wurde das anders. Vor vier Jahren war Anna Stark erstmals in der Heimat in Serbien/Ungarn. Die Großeltern hatten immer stolz von dort erzählt – das verstand sie erst jetzt, als sie den zwar heruntergekommenen, aber großen und alten Reichtum zeigenden Besitz sah. Anna Stark – auch 16 Jahre während des Ost-West-Konflikts als Dolmetscherin in Berlin lebend – war lange Jahre als engagierte Austauschlehrerin an der Realschule in Wiesloch. Sie ist in verschiedenen sozialen Gruppen aktiv, unter anderem schon seit den achtziger Jahren in der Flüchtlingsarbeit und jetzt im Wieslocher Netzwerk Asyl.

Mittwochs, 18.15-19.00 Uhr. Termine: 26.10.2016, 23.11.2016, 18.1.2017 oder 15.2.2017.


herrmannGerhard Herrmann

21 Jahre war der 78jährige Gerhard Herrmann Vorsitzender des DRK Wiesloch (heute ist er Ehrenvorsitzender). Seit 2015 ist er Träger des Bundesverdienstkreuzes, schon 2010 erhielt er die Bürgermedaille der Stadt. Seit 1957 vielfältige, umfangreiche, oft leitende, ehrenamtliche Aktivitäten: Stadtseniorenrat, Behindertensportgruppe, VdK, Bütz. Im Rahmen der DRK-Arbeit begann er 1986 zunächst mit Ungarn Kontakt aufzubauen. Es ging um Ungarn, die aus Rumänien fliehen mussten. Dann leistete er in den Neunzigern enorm viel Arbeit im neuen Asylbewerberwohnheim im Adelsförsterpfad (wie schon vorher im „Bierkeller“ und in der Turnhalle der Gerbersruh-schule). Das machte er gern: bis hin zu Steuererklärungen für die Ausländer. In der Mittagspause brachte er den Flüchtlingen ihre Post – „ich arbeitete ja selbst bei der Post und ließ mir einfach vom Briefträger die Post geben – das ginge heute auch nicht mehr!“

Samstags, 13.15-14.00 Uhr. Termine: 29.10.2016, 26.11.2016, 21.1.2017 oder 18.2.2017.


berishaSalih Berisha

Salih Berisha kam 1992 als Zwanzigjähriger aus dem Kosovo nach Deutschland. Er war aus der jugoslawischen Armee desertiert. In Wiesloch schlug er sich zwei Jahre als Bauhelfer durch. Danach kam ein Krankenpflegepraktikum in Heidelberg, 1995 konnte er beginnen, Medizin zu studieren (Examen 2003). Freilich war er lange noch nur „geduldet“ und von Abschiebung bedroht. Nach dem Kosovokrieg half er seinen Angehörigen und auch der kosovarischen Gesellschaft immer wieder bei längeren Aufenthalten. Er organisierte z.B. mehrere Tagungen in Pristina, LKW-Transporte mit Krankenhausbetten und ein Ärzteaustauschprogramm. Heute arbeitet er als Oberarzt am Kreiskrankenhaus Schwetzingen. Salih Berisha ist verheiratet und hat drei Kinder.

Mittwochs, 18.15-19.00 Uhr. Termine: 26.10.2016, 23.11.2016, 18.1.2017 oder 15.2.2017.


gradlOriana Viveros de Moraes-Gradl

Oriana wurde 1963 in Brasilien geboren und studierte dort Medizin. Im Jahr 1992 lernte sie einen für sie unwiderstehlichen Deutschen kennen, mit dem sie seit 1995 glücklich verheiratet ist. Die beiden haben zwei inzwischen volljährige Kinder. Seit 1995 lebt Oriana Gradl in Deutschland. Sie stellte fest, dass ihre Facharztausbildung hier nicht anerkannt wurde, also musste sie diese hier wiederholen. Das war eine große Hürde. Andererseits hat sie in dieser Zeit Menschen kennen gelernt, mit denen sie seither befreundet ist. Oriana engagiert sich in der Kirchengemeinde und in sozialen Projekten. Regelmäßig reist sie nach Brasilien. „Bevor ich nach Deutschland kam, hatte ich in Brasilien ein gutes Leben. Es war meine freie Entscheidung, nach Deutschland zu kommen und zu bleiben. In Wiesloch bin ich zu Hause.“

Samstags, 13.15-14.00 Uhr. Termine: 29.10.2016, 26.11.2016, 21.1.2017 oder 18.2.2017.


stadterAmela Stadter

wurde 1978 in Bangalore/Indien geboren. Mit knapp einem Jahr adoptierten sie die Wieslocher Uwe und Katharina Stadter. Nach demSt.Laurentius-Kindergarten und der Schillerschule ging Amela in die Bertha Benz Realschule. Im Berufskolleg II in Schwetzingen schloss sie mit der Fachhochschulreife ab. 1997- 2000 machte sie ihre Ausbildung zur Reiseverkehrskauffrau im RAR Rauenberger Reisebüro, dessen Inhaberin sie seit 2007 ist. Zwischenzeitlich lebte sie ein Jahr in Barcelona und studierte 2001- 2004 Touristikmanagement in Mannheim, bevor zwei Etappen der Selbstständigkeit mit einer Firma für Bürodienstleistungen und mit Lino´s Feinkostbar in Heidelberg folgten. Amela ist sehr aktiv im Wieslocher Netzwerk Asyl und 1. Vorsitzende des Café Mokka Integrationstreff e.V. Wenn sie Zeit hat, geht sie gerne Golf spielen.

Mittwochs, 18.15-19.00 Uhr. Termine: 26.10.2016, 23.11.2016, 18.1.2017 oder 15.2.2017.


gueneyBurcin Güney

1973 kam Burcins Vater als Gastarbeiter zu HDM. Er lernte aus eigenem Antrieb früh Deutsch und wurde bald der „Kapo“ der türkischen Arbeiter. Ein Jahr später folgte die Mutter mit Burcins großem Bruder, er selbst kam dann 1975 in Rauenberg bei Frau Zachmann zur Welt. Burcin ging in den Dreifaltigkeitskindergarten, besuchte die Dämmelwaldschule, später dann die Bertha Benz-Realschule. Nach einer extra Runde in der neunten Klasse wurde er Klassensprecher, Schulsprecher, und sogar Landesschülervertreter im Kultusministerium. 1992 gründete Burcin mit seinem Bruder und einem weiteren Brüderpaar den „Türkischen Jugendverein Wiesloch e.V.“ Burcin studierte Wirtschaftsingenieurwesen in Furtwangen und Leicester. Nach mehreren erfolgreichen beruflichen Etappen in der Automobilindustrie vom Projektleiter bis zum globalen Bereichsleiter, leitet der Oldtimer-Freund heute sein eigenes Beratungsunternehmen. „Ich kombiniere deutsche Strukturiertheit mit türkischem Elan.

Samstags, 13.15-14.00 Uhr. Termine: 29.10.2016, 26.11.2016, 21.1.2017 oder 18.2.2017.


gabi-andronacheGabi Andronache

Sie ist in Rumänien geboren, lebte in Ploesti, ca. 60 km von Bukarest entfernt. „Nie wollte ich Ploesti verlassen! Aber die Liebe…“ Sie studierte in Bukarest Maschinenbau. Ihren Mann lernte sie mit 28 Jahren 1997 kennen – er war Enkel eines deutschen Großvaters aus Siebenbürgen und schon mit 12 Jahren nach Deutschland ausgewandert. Sie kam nach der Heirat, ohne ein Wort Deutsch zu können, nach Hamburg und hat heute zwei Kinder von 15 •und 12 Jahren, die sie streng erzieht: „Die deutsche Erziehung ist mir zu locker!“ 2004 zog sie mit ihrer Familie nach Wiesloch. Seit längerem arbeitet sie bei Pfiffikus als Nachhilfelehrerin, seit 5 Jahren ist sie eine der Rechenpatinnen der Bürgerstiftung.

Samstags, 13.15-14.00 Uhr. Termine: 29.10.2016, 26.11.2016, 21.1.2017 oder 18.2.2017.


oencerBülent Öncer

Er wurde 1955 in Istanbul geboren und kam 1965 nach Deutschland. Er lebt in Walldorf, leitet ein Reisebüro in Wiesloch und ist vereidigter Dolmetscher. Seit Jahrzehnten hilft er vielen türkischen Mitbürgern in den unterschiedlichsten Lebenssituationen durch seine Übersetzungen, Begleitungen, Beratungen und Vermittlungen. Er hat nebenbei noch einen Trainerschein als Fußballtrainer erworben und war lange Zeit Talentsucher. Bülent Öncer ist Mitglied der Wieslocher Moscheegemeinde.

Samstags, 13.15-14.00 Uhr. Termine: 29.10.2016, 26.11.2016, 21.1.2017 oder 18.2.2017.


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